Singen am Fenster

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Balkonsingen - Wie Musik die Grenzen überwindet

08. April 2020 Sonstiges

Ein Hamburger Musiktherapeut berichtet über seine Erlebnisse mit der Musik und Menschen in einem Pflegeheim während des Besuchsverbots.

„Heute veranstaltete ich mein drittes Balkonsingen für ein Pflegeheim, welches ich als freiberuflich tätiger Musiktherapeut derzeit nicht betreten darf. Seit drei Wochen erlebe ich das Balkonsingen am Pflegeheim als neues Format, das - wenn man so will - dem Bereich „Community Music Therapy“ zugeordnet werden kann. Es hilft mir, einen Teil meiner Arbeit aufrecht zu erhalten, den Kontakt zu vielen BewohnerInnen zu halten, den Pflegenden meine Anerkennung und Solidarität zu zeigen, eine Abwechslung zum herausforderten Dasein in Quarantäne zu schaffen - und schließlich auch neue Aspekte musiktherapeutischer Arbeit zu entdecken und zu entwickeln.

Bei ausreichend trockenem Wetter findet das Balkonsingen derzeit einmal pro Woche statt, plus Specials z.B. zu Ostern, zu einer verabredeten, im Haus sowie in den Kreis der Angehörigen kommunizierten Zeit, baue ich Verstärker und Mikrophon auf dem Gehweg vor dem Heim auf und singe ca. eine halbe Stunde lang Lieder aus dem Repertoire unserer bisherigen Gruppenmusiktherapien.

BewohnerInnen und Pflegende stehen und sitzen miteinander an Fenstern und auf Balkonen, erleben sich gemeinsam durch die gemeinsame Musik. Sie wirken teilweise richtig beseelt beim Mitsingen, tanzen und zuhören. Es wird miteinander und über die Distanz mit mir viel kommuniziert. Zunächst überraschend für mich: nach und nach finden sich - in gebotenem Abstand zueinander - ca. 40 PassantInnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein: Spaziergänger, die, durch die Musik angelockt, stehenbleiben. Ihr mitsingen und applaudieren tut den Menschen im Pflegeheim sichtlich wohl - sie fühlen sich gesehen. Ich bin deshalb auch dazu übergegangen, die Veranstaltung regelrecht zu moderieren.

Macht es zu Beginn des Singens stets den Anschein als befinden sich die BewohnerInnen und Pflegenden in den Logen und auf den Rängen eines großen Auditoriums, und ich stehe auf der Bühne, so wandelt sich mit zunehmender Partizipation der Öffentlichkeit das Bild schnell. Dann wirkt es irgendwie, als seien die Menschen im Pflegeheim diejenigen auf der Bühne, denen von der gegenüberliegenden Straßenseite her Beifall geklatscht wird. Oder noch treffender: Das Bühnen-Zuschauer-Verhältnis wird zu einem wechselseitigen.

Letzte Woche war es noch sehr kalt, aber zum Glück hat es nicht geregnet. Es war auch ein wenig traurig, weil uns immer mehr klar wird, dass dies hier länger als erwartet die neue Normalität sein wird. Ich war entsetzt zu hören, dass neben den durch Besuchsverbot, Maskierung und Abstandsregelungen zu bewältigenden psychosozialen Herausforderungen auch Lieferengpässe zu beklagen sind - gestern gabs kein Brot!

Das Singen war aber dennoch sehr schön: eine Abwechslung, ein gesehen werden, ein Kontakt mit der Außenwelt, ein Moment von Gemeinschaft.

Pflegende tanzten mit Bewohnerinnen und sangen an Fenstern und auf den Balkonen der vier Stockwerke. Ich reagierte auf viel winken, trotzig erhobene Fäuste der Solidarität, fröhlich geworfene Kusshände.

Seit heute bestätigt sich ein neuer Trend: auch Familienangehörige (eine sogar mit Altflöte) nehmen den Termin nun wahr und treten winkend, rufend, singend und musizierend in Kontakt zu ihren pflegebedürftigen Angehörigen, die sie derzeit nicht besuchen dürfen.

Wir machen weiter. Wir probieren neues. Wir halten durch.“

 

Text: Prof. Dr. Jan Sonntag, Dipl. Musiktherapeut FH/DMtG, Hamburg, 7. April 2020
Fotos: Eva Häberle 2020



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